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Claudia Jeep

Was bedeutet es für mich „Denkfühlschreibvirtuosin“* zu sein?

Eine Berufsbezeichnung

 

Es ist eine sehr hohe Kunst, das, was man denkt, fühlt, weiß und sagen möchte, auch in den Worten einer Sprache verständlich, eindeutig und dennoch spielerisch ästhetisch ausdrücken zu können.

 

Grundlage dieser Überzeugung ist ein Zitat von Heinrich Böll:

„Das Wichtigste ist, das man das, was man sagen möchte auch ausdrücken kann.“

 

Hierbei geht es nicht etwa darum, sich sprachlich in schwindelerregende Höhen aufzuschwingen und sprachlich elitäre Gebilde zu produzieren, vor denen Literatur- und Sprachwissenschaftler auf die Knie fallen und auf die sie Lobeshymnen verfassen. Infolgedessen wurde nämlich und wird noch eine Sprache und eine Literatur zum „literarischen Werk“ erhoben, bei der mühsam die geistige Essenz in endlosen inhaltlichen und sprachlichen Analysen extrahiert werden muss. 

Mit dieser Literatur füttern wir seit Jahrzehnten die jungen Menschen in unseren Schulen und erwarten, dass sie im Laufe vieler Jahre im Deutschunterricht und womöglich später im Studium diese Bewertungskriterien übernehmen und soweit verinnerlichen, dass sie selbst vielleicht darin zu einer Perfektion gelangen oder diese anstreben.

 

In meinem Verständnis geht es auch nicht darum, jede sprachliche Modeerscheinung aufzugreifen und einen historisch gewachsenen Wortschatz durch Mainstream-Sprache zu ersetzen, um eine neue Poesie für den technischen Menschen zu schaffen, bei der die Inhalte in den Hintergrund treten. Dies erleben wir derzeit in der neuen trivialen Kunstform des Poetry Slam. 

Als Denkfühlschreibvirtuosin versuche ich, ein zeitüberspannendes Wissen und Empfinden in eine Sprache zu übersetzen, die für Leser als Menschen unter Einbeziehung all ihrer Gefühle verständlich ist. Ich versuche dabei, aus dem riesigen Meer von Worten, die mir zur Verfügung stehen, exakt die Wörter herauszufischen, die spezifisch das bezeichnen, was ich fühle und denke und die ein Mensch auch ohne sprachwissenschaftliche oder literarische Übersetzung fühlen und verstehen kann. Das ist für mich die höchste Sprachkunst.

 

Ich hätte für meinen selbstbestimmten Weg auch die Bezeichnung „Sprachkünstler“ finden können. Dies würde jedoch nicht dem Anspruch und dem lebenslangen Bemühen gerecht werden, das ich an mich selbst habe und das meinen Weg kennzeichnet.

 

Meine Berufsbezeichnung lässt keinesfalls den Schluss zu, dass es mir irgendwann in diesem Leben gelingen muss, an einem Ziel anzukommen, das bewertet, verglichen oder beurteilt werden müsste. Dieses würde bedeuten, eine Momentaufnahme in einer Entwicklung als Bewertungsmaßstab zu fixieren. Dieses tun wir in unserer derzeitigen Leistungsgesellschaft tatsächlich ständig. Und genau damit verhindern wir jede Möglichkeit zu lebendiger Kreativität. 

Ich brauche daher weder Kritik, noch Lob oder Fremdbeurteilungen. Es ist für mich ein lebenslanger Weg, auf dem ich mich derzeit an irgendeiner Stelle befinde. Die Texte in meinem vierten Buch werden einzelne Stationen auf diesem Weg belegen.

 

Mit meiner sehr neuen Definition von „Denkfühlschreibvirtuosin“ werde ich wahrscheinlich nicht die Zustimmung der heutigen Germanisten erhalten, und das ist gut so, denn ich muss ihren Ansprüchen nicht entsprechen. Meine Bewertungskriterien sind neu und anders als bisher.

So gehören zu Autoren, die ich zu den „Denkfühlschreibvirtuosen“ nach meiner Definition zähle, zum Beispiel Heinrich Böll, John Strelecky, Michael Ende, Antoine de Saint-Exupérieund Peter T. Schulz. Ihre Botschaften sind zeitlos, ihre Sprache ebenso. Ziehe ich heute als „literarischer Sprachkünstler“ durch meine Zeit, so sind sie für mich Wegbereiter.

 

Ich würde mich freuen, Kindern und Jugendlichen zukünftig ermöglichen zu können, diese neue „Menschheitsliteratur für das 21. Jahrhundert“ zu entdecken. 

 

Ich würde sie gerne dabei begleiten, einen anderen Zugang zu Literatur zu finden als jenen, der ihnen noch heute an den Schulen vermittelt wird. Doch hierfür ist in unseren derzeitigen Schulen kein Raum. Leistungskontrollen und Bewertungen wären hierbei nämlich ausgeschlossen. 

Es handelt sich um einen Zugang, den ich neben den starren Belehrungen in meinem eigenen traditionellen Deutschunterricht und meinem Deutschstudium entwickeln und mir bewahren konnte. Ich hatte stets die geistige und zeitliche Freiheit, dies zu tun.

 

* Der Begriff "Denkfühlen" geht zurück auf den indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti
                                                                                                                                              (1895-1986)

 

Claudia Jeep am 20. Juni 2019